Unrunde Brillanz, oder: Von der Schwierigkeit, das Erzählen von Kultur zu erzählen
Journal
KulturPoetik
Type
book review
Date Issued
2008
Author(s)
Abstract
Jutta Heinz verfolgt mit ihrer Habilitationsschrift ein ehrgeiziges Ziel: Sie möchte, so der Klappentext, »einen genuin literaturwissenschaftlichen Beitrag zu einer allgemeinen Kulturtheorie leisten«. Diesem Ziel nähert sie sich in insgesamt sieben Kapiteln, von denen die ersten vier, systematisch korrekt, mit dem vielschichtigen Konzept »Kultur« befasst sind. Das erste Kapitel stellt ein heuristisches Raster für die Lektüre der Arbeit bereit: Die Verfasserin erkennt im Prinzip der narrativen Struktur eine mögliche Gelenkstelle zwischen Kultur und Literatur, die über die rein thematische Auseinandersetzung von Literatur mit Kultur grundlegend hinausgeht. Um die Voraussetzungen für eine entsprechende auf Literatur angewandte Argumentation zu schaffen, entwickelt sie zunächst die Geschichte des Begriffs Kultur, in einem zweiten Schritt die Geschichte der disziplinären Ausdifferenzierung der so genannten Kulturwissenschaften in Kulturgeschichte, Kulturphilosophie, Kultursoziologie, Kulturanthropologie und Kulturpsychologie und in einem dritten Schritt schließlich die Geschichte der Beziehung zwischen Kulturwissenschaft und Literaturwissenschaft. Auf dieser Basis unternimmt sie im zweiten-erheblich umfangreicheren-Teil der Arbeit eine Analyse der beiden Romane Aristipp und einige seiner Zeitgenossen von Christoph Martin Wieland und Wilhelm Meisters Wanderjahre von Johann Wolfgang von Goethe nach Maßgabe der These, dass in Erzähltexten von namhaftem Umfang und einem hohen strukturellen Komplexitätsgrad kohärente Kulturkonzepte gleichsam modellhaft entworfen, erprobt und evaluiert werden können. In Wielands Aristipp, so das dem entsprechenden Kapitel seinen Titel gebende Resultat der Untersuchung, erscheint »Kultur als Kanon des Menschlichen« (S. 169). Wieland antizipiert hier, so scheint es, in seinem überaus facettenreichen Alterswerk die Humanitätsästhetik der späteren Weimarer Klassik: Der Mensch wird als entwicklungsfähiges Wesen entworfen, das seine ideale Staatsform auf einer antikisierend überhöhten Form des Rousseau'schen Sozialvertrags aufbaut, das auf einem hoch reflektierten Niveau kommuniziert und aus der Engführung von Entwicklungsvermögen, verantwortlichem Politikbewußtsein und anspruchsvoller Selbstreflektion eine ideale Praxis sittlich gemäßigter Humanität entbindet. Goethes Wanderjahre dagegen modellieren eine »Morphologie des Menschlichen« (S. 317). Auch diesmal arbeitet die Verfasserin systematisch die Begriffsreihe ab, die sie im ersten Teil der Arbeit expliziert hat, führt sie aber diesmal deutlich näher an eine poetologische Auslegung des Textes heran als in den Ausführungen zu Wielands Aristipp: Goethes Kulturgeschichtliches wird hier als narratologisches Konzept sichtbar, seine Kultursoziologie emergiert als Idee kollektiver Autorschaft, seine Kulturanthropologie ist wesentlich eine normative Kommunikationstheorie, und schließlich, so macht die Verfasserin geltend, lassen sich die beiden Paradigmen der Tätigkeit und der Entsagung in den Wanderjahren kulturphilosophisch als Reflexion auf das Verhältnis von Kunst und Natur im Blick auf den Schöpfungsakt lesen.
Language
German
Volume
8
Number
2
Start page
285
End page
287
File(s)![Thumbnail Image]()
open.access
Name
kult.2008.8.2.285.pdf
Size
47.67 KB
Format
Adobe PDF
Checksum (MD5)
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