Die Soziale Marktwirtschaft - zukunftsträchtiges oder totes Leitbild für eine lebensdienliche Ordnungspolitik?
Type
working paper
Date Issued
2002
Author(s)
Bieker, Thomas
Abstract (De)
Die Diskussionen um einen Dritten Weg als "Systemalternative" zwischen ‚Links‘ und ‚Rechts‘ berücksichtigen zu wenig die originäre Konzeption der Sozialen Marktwirtschaft. Dies ist nicht zuletzt vor dem Hintergrund der Tatsache bedauerlich, dass diese Wirtschaftsordnung als Paradigma und Leitbild bspw. im Zuge der Öffnung der mittel- und osteuropäischen Länder schon einige Male "geographisch multipliziert" wurde. Eine kritische Auseinandersetzung mit ihren Leitideen und deren Umsetzung in die wirtschafts- bzw. gesellschaftspolitische Praxis würde zeigen, dass die Soziale Marktwirtschaft in der heutigen wirtschaftspolitischen Praxis eher auf paläo- bzw. neoliberale Weise interpretiert wird. Das Papier versucht aufzuzeigen, dass sie über zahlreiche theoretische Ursprünge aus den Bereichen der Ethik und Moral, der christlichen Soziallehre, des Liberalismus sowie auch der Klassik verfügt. Ferner ist die "Stilidee der Sozialen Marktwirtschaft" offen für die Aufnahme weiterer Elemente bzw. Ziele, die es erlauben würden, der situativen Bedingungslage der heutigen Gesellschaften Rechnung zu tragen. Dieser Aspekt wäre vor allem angesichts der negativen Wirkungen sich globalisierender Märkte (etwa Arbeitslosigkeit, ungerechte Verteilung, Wohlfahrtsverluste, politische Autonomie) aus vitalpolitischen Gründen sehr bedeutsam. In modernen Industriegesellschaften besteht zudem der Verdacht, dass sich der Staat nur noch als Anbieter attraktiver Standortbedingungen für "global players" betätigt. Dass dies zu einer Prädominanz des wirtschaftlichen über das gesellschaftliche System führt und zum Nachteil der Mehrheit der in diesen Gesellschaften lebenden Menschen gereichen kann, liegt auf der Hand. Dabei wird getrost weiter auf die Metaphysik des Marktes ("unsichtbare Hand") zur Schaffung eines kollektiven, diffusen Gemeinwohls vertraut. Angesichts dieser Tatsache und einer zunehmenden globalen Verflechtung wirtschaftlicher Aktivitäten, ungerechter Verteilungswirkungen sowie einer Prädominanz des wirtschaftlichen Subsystems, muss die soziale Marktwirtschaft durch Elemente flankiert werden, wenn sie ihrem originären vitalpolitischen Auftrag gerecht werden soll. Eine Bürgergesellschaft auf der Grundlage eines republikanischen Liberalismus kann hier bspw. die Möglichkeit eines Dritten Weges eröffnen, bei dem das Primat der Bürgerfreiheit vor der Marktfreiheit sichergestellt und Chancengleichheit der Individuen gewährleistet sowie die notwendigen (ökonomischen, ökologischen und sozialen) "Lebensmittel" für die Menschen bereitgestellt werden. Ein weiterer Weg zur Überwindung der globalen Sachzwänge könnte in der Schaffung transnationaler Märkte liegen. Die "Freigabe" eines internationalen bzw. globalen Verkehrs von Waren, Arbeitskräften und Kapital sollte demnach nur an jenen Orten erfolgen, an denen eine entsprechende Norminstanz zur Legitimation und Durchsetzung einer allgemeingültigen vitalpolitischen Rahmenordnung vorausgesetzt werden kann. Im Sinne einer evolutiven Ökonomie könnten damit lokal begrenzte und geschützte Märkte neben verschiedenen nationalen, inter-, trans- oder multinationalen Märkten parallel existieren.
Language
German
HSG Classification
contribution to scientific community
Refereed
No
Subject(s)
Division(s)
Eprints ID
17769